Moderner Theaterkontrakt
Von Komödiantine

§ 1
Die Direktion engagiert Fräulein N. N., wie, wo, wie lange, wohin und womit die Direktion Vorstellungen zu geben beabsichtigt.

§ 2
Das Mitglied hat keinen Anspruch auf Gage, doch ist die Direktion berechtigt, eine solche zu bewilligen.

§3
Fällt der Gagetag auf einen Sonntag, so wird überhaupt keine Gage bezahlt.

§ 4
Diäten werden nicht bezahlt, aber hat jedes Mitglied Anspruch auf eine Diät.

§ 5
In mehr als fünf dreiaktigen Stücken braucht das Mitglied an einem Abend nicht aufzutreten.

§ 6
Jedes Mitglied kann zum täglichen 24stündigen Dienst herangezogen werden, Überstunden werden nicht bezahlt.

§ 7
Bei Streitigkeiten ist das Schiedsgericht anzurufen: dasselbe besteht aus dem Direktor als Obmann und seinen Angehörigen als Beisitzern.

§ 8
Das Mitglied darf appellieren - aber es nützt nichts!

§ 9
Sollte in einem Stücke ein Kind benötigt werden, so hat das jüngste weibliche Mitglied dafür aufzukommen.

§ 10
Doch steht es auch der Direktion frei, es zu tun.

§ 11
Schriftliche Abmachungen sind ungültig.

§ 12
Das Mitglied verpflichtet sich, 6 Monate vorher im Engagement einzutreffen und in sämtlichen Proben und Vorstellungen unentgeltlich mitzuwirken.

§ 13
Macht die Direktion Anspruch auf früheres Eintreffen, so hat das Mitglied Anspruch auf halbe Gage.

§ 14
Die Direktion ist berechtigt, die Ansprüche des Mitglieds abzuweisen.

§ 15
Jede Rolle des Repertoires muß vorwärts und rückwärts gekonnt sein.

§ 16
Das Mitglied verpflichtet sich, jede Rolle in jeder Zeit zu erlernen!

§ 17
Bei Krankheitsfällen hat sich das Mitglied gesund zu melden.

§ 18
In folgenden Fällen ist die Direktion berechtigt, das Mitglied durch Abzug einer Monatsgage zu bestrafen:
    1. wenn das Mitglied stirbt;
    2. wenn es verhungert;
    3. wenn es nicht verhungert;
    4. wenn es blödsinnig wird;
    5. wenn es selbst Direktor wird;
    6. wenn sich das weibliche Mitglied nicht fügt;
    7. wenn es gefällt;
    8. auch, wenn es nicht gefällt.

§ 19
Stirbt das Mitglied vor Ablauf der Kontraktzeit, so darf dieses
    1. nur nach der Vorstellung geschehen;
    2. sind die Angehörigen verpflichtet, Konventionalstrafe zu zahlen und für Ersatz zu sorgen.

§ 20
Das verstorbene Mitglied hat die Pflicht, sich am jeweiligen Aufenthaltsorte der Direktion begraben zu lassen.

§ 21
Die Leiche ist zur Statisterie, Komparserie, Ausstattungszwecken und stummen Rollen verpflichtet, doch hebt dies nicht die Zahlung der Konventionalstrafe auf.

§ 22
Repertoire werden nicht bekanntgegeben.

§ 23
Die Frist zur Erlernung der Rollen läuft vom Tage der Bekanntmachung des Repertoires.

§ 24
Tod gilt nicht als Krankheitsgrund.

§ 25
Krankheitszeugnisse sind ungültig.

§ 26
Im Falle der Einleitung einer Klage hat das Mitglied die bereits erhaltene Gage zurückzuzahlen.

§ 27
Gagen werden nur mit Protest bezahlt.

§ 28
Für Abendvorstellungen wird kein Honorar bezahlt.

§ 29
Die Direktion hat immer recht.

§ 30
Das Mitglied hat immer unrecht.

§ 31
Hat das Mitglied recht, so hat es doch unrecht.

§ 32
Hat die Direktion unrecht, so hat sie doch recht!

Der vorliegende Kontrakt ist von allen Mitgliedern gelesen, gründlich geprüft, unterschrieben und die Direktion zur Annahme desselben ersucht worden.


Aus: "Simplicissimus", herausgegeben von Richard Christ, 2. Auflage 1978, Ausgabe für die Deutsche Demokratische Republik
Jahrgang: 1896-1897
Alles im Original belassen, alte Rechtschreibung
Das Pseudo
nym "Komödiantine" kann nicht aufgeschlüsselt werden.